Nierstour – zweite Etappe: Geldern bis Weeze

Am nächsten Morgen hatten wir etwas mehr Zeit, da die Strecke nach Weeze nur ein Bruchteil vom ersten Tag war. Somit teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Julia und Martin schnappten sich zwei Niederrhein-Fahrräder, die am See Park Janssen für Touristen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen und fuhren damit zum JaHotel. Dies ist ein neues Projekt unseres Gastgebers und durch die Corona-Situation noch nicht eröffnet. Wir hatten bereits im Vorfeld soviel über das neue Hotel gehört, das Jule und Martin dies unbedingt vor unserer Abreise sehen wollten.


Derweil schnappten sich Chris, Martin und Lars nach einem ausgiebigen Frühstück sowohl Gepäck als auch die Kanus und das SUP und machten sich erneut auf den Weg zum Einstieg unter der Brücke. Gut nur, dass es an diesem Tag etwas bedeckter war und wir nicht schon morgens komplett durchgeschwitzt waren. Als ob es abgesprochen gewesenen wäre, stießen Jule und Martin exakt zu dem Zeitpunkt auf uns, als wir gerade alles aufgebaut und beladen hatten.

Nach einem diesmal etwas einfacheren Einstieg ein paar Meter vom gestrigen Ausstieg entfernt ging es auf dem Wasser noch ein Stück durch Geldern, bevor wir wieder die Ruhe in der Natur genießen konnten. Nach einigen Kilometern kamen man dann an Haus Te Gesselen vorbei. Haus Te Gesselen ist ein ehemaliges Rittergut in Wetten, einem Ortsteil von Kevelaer. Das Gut ist ein zweigeschossiger gotischer Winkelbau, dessen Kern aus dem 15. Jahrhundert stammt, wurde zum Beginn des 17. Jahrhunderts zu einem Gebäude mit quadratischem Grundriss erweitert. In den 1980er Jahren war das Gebäude einsturzgefährdet. Aufwändige Sanierungs– und Restaurierungsarbeiten ab 1987 retteten das Baudenkmal vor dem endgültigen Verfall. Diesen Teil hinter uns gelassen paddeln wir weiter nach Wetten. Dort gibt es zwei interessante Dinge, die man sich anschauen kann. Einmal die Kornbrennerei Moosbur und zum zweiten den Straußenhof Jeuken.

Nach dem kleinen Zwischenstopp paddelten wir weiter zur Wallfahrtsstadt Kevelaer. Zurück geht dies auf die folgende Geschichte:

Um die Weihnachtszeit des Jahres 1641 hörte der Kaufmann Hendrick Busman, als er an einem Hagelkreuz betete, eine geheimnisvolle Stimme, die ihm sagte: „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen. Im Verlauf der nächsten Tage hörte Busman auf seinem alltäglichen Weg von Weeze nach Geldern, nahe dem Dorf Kevelaer in der Kevelaerer Heide, die besagte Stimme noch zweimal bei seinen täglichen Gebeten. Obwohl der Händler nicht reich war, führte er diesen Auftrag aus.

Einen Monat vor Pfingsten im Jahr 1642 hatte seine Frau Mechel Schrouse eine nächtliche Erscheinung. Sie sah in einem großen glänzenden Licht ein Heiligenhäuschen mit einem Bildchen der Gottesmutter Maria „Consolatrix Afflictorum“ (Trösterin der Betrübten) von Luxemburg, welches ihr einige Zeit zuvor von zwei Soldaten zum Kauf angeboten worden war. Hendrick Busman sah sich in seinem Erlebnis bestätigt und beauftragte seine Frau damit, die beiden Soldaten ausfindig zu machen und das Bild zu kaufen. Mechel traf in Kempen einen Leutnant, der nun die beiden angebotenen Bildchen besaß, und kaufte diesem eines der Bildchen ab. Im Jahr 1647 wurden die Ereignisse der Jahre 1641 und 1642 durch die Synode zu Venlo geprüft. In der Anhörung schilderte Busman die Begebenheiten und leistete einen Eid auf die Richtigkeit seiner Schilderungen. Die Kirche erkannte Kevelaer nach nur zwei Anhörungstagen als Wallfahrtsort an, was aus heutiger Sicht außergewöhnlich schnell war.

Innerhalb der Stadt gibt es viele sehenswerte Gebäude und Dinge, die man sich in der Stadt anschauen kann.

Darunter die Gnadenkapelle, die um das Heiligenhäuschen von Henrik Busman herumgebaut wurde und die orthodoxe Johanneskapelle. Diese wurde im Jahr 1992 fertiggestellt. Grund für den Bau war, dass ein orthodoxer Grieche Ende der 70er Jahre dem Rektor der Wallfahrt in Kevelaer ein goldenes Medaillon als Zeichen der Dankbarkeit für eine Gebetserhörung überreichte. Der katholische Priester fragte den Mann, wieso er, ein orthodoxer Gläubiger, einem katholischen Gnadenbild ein so kostbares Geschenk mache. Der Grieche antwortete: „Es ist überall die eine Muttergottes Maria – für die Katholiken und für die Orthodoxen“. Von diesem Tag an war der Wallfahrtsrektor davon überzeugt, dass in Kevelaer, einem Wallfahrtsort der Gottesmutter, die orthodoxen Gläubigen eine zweite Heimat finden müssten. So entstand die Idee für den Bau einer orthodoxen Kapelle im katholischen Marienwallfahrtsort Kevelaer. Dann gibt es noch die Museumsgasse. Die Museumsgasse verbindet die Hauptstraße Kevelaers mit dem Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte e.V. am Mechelner Platz. Sie ist nicht nur ein Weg zum Museumseingang, sondern eine der schönsten Gassen in der Marienstadt. Direkt hinter dem schmiedeeisernen Eingangstor eröffnet sich ein romantischer Innenhof, der zum Verweilen einlädt. Im Sommer lässt sich hier herrlich Zeit verbringen.

Die Marienbasilika von Kevelaer ist die eigentliche Wallfahrtskirche und wurde im Jahr 1858-1864 erbaut. In der ganzen Stadt gibt es Wallfahrtsdinge anzuschauen.

Nach der Besichtigung Kevelaers paddelten wir weiter an dem Wallfahrtsort vorbei und kamen nach kurzer Zeit in das nächste Naturschutzgebiet. Linksseitig der Niers liegt das „Niersseitenarme und Niersmoräste bei Hüdderath“.
Wir paddelten weiter auf der Niers Richtung Weeze. Kurz hinter dem Naturschutzgebiet kamen wir an Schloss Wissen vorbei. Das berühmte Wasserschloss liegt auf der linken Seite der Niers und seit 500 Jahren ist es der Stammsitz der Familie von Loë. Im 14. Jahrhundert als Wohnturm erbaut, wurde das Schloss im Laufe seiner Geschichte mehrfach umgestaltet und erweitert.

Für uns war die Strecke ein Traum, denn noch nie hatten wir soviel renaturierte Bereiche am Niederrhein erleben dürfen. Wir wussten gar nicht, wo wir hinschauen sollten, denn faszinierende Eindrücke gab es im Wasser, am Ufer und auch in der Luft. Wenn jemand Ruhe genießen möchte, ist hier definitiv genau richtig.

Abends kam dann für uns die Riesenüberraschung. Unsere Gastgeber – die Besitzer des Tierparkhotels UHU-Lodge und des Schloss Hertefeld Hotels –  erwarteten uns bereits winkend am Ufer einer historischen Ruine. Das erleichterte uns den Ausstieg ungemein, denn die eigene Planung wäre etwas komplizierter gewesen. Nun konnten wir über einen flachen Ausstieg unser Material direkt unrein paar Meter weit in einem angrenzenden Schuppen unterstellen. Schnell packte jeder seinen Rucksack, um sich frisch zu machen, denn wir wollten uns noch das Dorf anschauen und eine Kleinigkeit zu Essen und zu Trinken einkaufen. Erstmal Pustekuchen, denn unsere Gastgeber strotzen vor niederrheiner Gastfreundschaft.“. Wir wurden zum Essen eingeladen. Das an sich wäre nichts zu Besonderes, jedoch wir waren – durch Corona – die einzigen Gäste.

Nachdem wir uns in der UHU-Lodge frisch gemacht hatten, hatten wir noch etwas Zeit, um uns den dazugehörigen Park und auch Schloss Hertefeld anzuschauen. Der direkt an die UHU-Lodge angrenzende Tierpark war leider Aufgrund Corona nicht geöffnet somit hatten wir umso mehr Zeit, den riesigen Park und die Burgruine zu erkunden. Faszinierend und ein Besuch lohnt sich definitiv.

Unser Abendessen war eine große Überraschung. Man bat uns in den Gewölbekeller der Ruine von Schloss Hertefeld und was uns dort erwartete, war ein liebevoll angerichtetes und sehr leckeres drei Gänge Menü nur für unser Team. Also dieser Abend war perfekt. Sehr leckeres Essen, tolle Atmosphäre und gute Gespräche, auch mit den Besitzern.
Das Ambiente des Gewölbekellers hat diesen Erlebnisreichen Tag perfekt abgerundet. Dennoch waren wir alle schnell müde und zogen uns in die UHU-Lodge zurück.

Das Tierparkhotel UHU-Lodge ist ein wunderschönes Hotel, das sehr freundlich uns mit viel Liebe zum Detail geführt wird. Jedes Zimmer hat ein eigenes Thema. Von „Sahara“ bis „Uhu“ ist alles dabei. Aber keine Sorge. Es ist absolut nicht kitschig, wie man vielleicht im ersten Moment denken würde. Jedes ist farblich abgestimmt und mit dem richtigen Dekor sehr charmant und einladend. Ein Zimmer hat sogar ein auffahrbares Dachfenster so dass man unter den Sternen schlafen kann.
So haben wir uns direkt wohl gefühlt und sind in die Betten gekippt.


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